Fazit des Literaturüberblicks zum Thema Cyberaktivismus

Cyberaktivismus ist mit Sicherheit ein großer Themenkomplex, der in seiner Ganzheit mit Hilfe von lediglich zehn Werken wohl nicht erfasst werden kann. Dennoch wurde versucht mittels der vorliegenden Literaturauswahl einen Einblick in den Themenbereich zu geben und grundlegende Texte auszuwählen, die auch in etwa den Forschungsstand bis dato widerspiegeln. In weiterer Folge wurde die vorhandene Literatur in drei große Kategorien eingeteilt. Die erste Kategorie stellten theoretische Auseinandersetzungen mit dem Themenkomplex Cyberaktivismus an sich dar. Darunter fallen die Werke von Vegh, Baringhorst und Illia. Es stellte sich jedoch bei der Recherche heraus, dass gerade in diesem Bereich wenig Literatur vorhanden ist. Ganz im Gegensatz zur zweiten Kategorie, nämlich den empirischen Analysen. Hierzu gehören Arbeiten, die cyberaktivistische Proteste auf bestimmte Punkte hin analysieren, sei es in Bezug auf deren Identitätsstiftung oder der Nutzung des E-Mail Verkehrs. In dieser Kategorie fallen die meisten Beschäftigungen mit den Online-Protesten in der Literatur, so zum Beispiel in den Texten von März, Kneip, Pegorim, Machart et al. und Oostveen. Als eine dritte und letzte Kategorie wurden deskriptive Fallstudien ausgewählt, die sich zwar direkt mit cyberaktivistischen Protesten auseinandersetzen, diese jedoch nicht auf bestimmte Elemente hin analysieren, sondern beschreiben wie diese zu Stande gekommen sind und wie die Proteste von Statten gegangen sind. Hierzu zählen meines Erachtens die Beiträge von Medosch und Khamis/Vaughn. Insgesamt gesehen ließen sich einige Hauptthesen zum Thema Cyberaktivismus herausfiltern, aber auch einige offene Fragen und Unklarheiten kristallisierten sich bei der Zusammenstellung des Literaturüberblicks heraus.

Grundannahmen

These 1: Offline ≠ Online

Cyberaktivismus ist mehr als nur die Übertragung von klassischen Protesten in die Online-Welt. Die gesamte Dynamik, von der Entstehung des Protests bis hin zu seiner Ausführung hat sich Veränderungen unterworfen. Gleichzeitig muss beachtet werden, dass es verschiedene Ausprägungen und Formen von Cyberaktivismus gibt. (vgl. Vegh 2003; Illia 2002; Baringhorst 2008)

These 2: Online- und Offline-Proteste ergänzen sich

Obwohl Online- und Offline-Proteste von ihrer Dynamik her unterschiedlich sind,  muss beachtet werden, dass für  erfolgreiche Protestaktionen immer ein nebeneinander, oder besser gesagt ein miteinander beider Protesformen bestehen muss. Denn beide stellen eine gegenseitige Ergänzung dar, helfen so das Kommunikationsrepertoire und die Möglichkeiten der Protestanten zu erweitern und bilden so hybride Kommunikationsräume. Gleichzeitig ergibt sich dadurch ein Spannungsfeld zwischen den genutzten Online- und Offline-Medien. Denn einerseits bietet das Internet die Möglichkeit, dass egalitäre und dezentralisierte Netzwerke gebildet werden können. Gleichzeitig sind Online-Proteste wiederum auf klassische Offline-Medien angewiesen, um Aufmerksamkeit bei einer möglichst breiten Masse zu erlangen. (vgl. März 2010; Khamis/Vaughn 2011;, Kneip 2010; Pegorim 2011; Oostveen 2010)

These 3: Habermas Ideal könnte erreichbar sein

In den Texten zu Cyberaktivismus wird immer wieder auf Habermas Ideal der öffentlichen Sphäre verwiesen, einem egalitärem Ort, an dem Status, Geschlecht etc. kein Gewicht haben, sondern ein freier Dialog zu Stande kommen kann, bei dem lediglich die besseren Argumente gewinnen. Einige Autoren gehen nun so weit zu sagen, dass im Cybaraktivismus prinzipiell eine solche Sphäre geschaffen werden kann. Doch dazu müssen erst bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden. So müssen einerseits Angebote wie Webseiten interaktiver gestaltet werden, damit ein solcher Dialog stattfinden kann und es müssen von Seiten des Staates Gesetze geschaffen werden, die nicht dazu dienen die Freiheiten der Bürger im Internet zu beschränken, sondern diese zu stärken und ihnen beispielsweise ein Demonstrationsrecht im Internet zuzugestehen, wie dies bis jetzt erst im Offline-Raum verankert ist. (vgl. Medosch et al. 2003; Baringhorst 2008)

Kritik und offene Fragen

Frage 1: Was ist Cyberaktivismus?

Die wohl brennendste, wenn auch überraschendste Frage, die sich bei der Zusammenstellung des Literaturüberblicks ergab, ist wohl die Frage was unter Cyberaktivismus zu verstehen ist. In der Literatur selbst gibt es dazu die verschiedensten Annahmen. So gibt es Autoren wie März (2010), die von 1-Klick-Protesten sprechen, also dem „liken“ von Facebookseiten, die beispielsweise Umweltschutz zum Thema haben. Ob hierbei jedoch bereits von Protesten gesprochen werden kann ist fraglich. so mangelt es der Literatur zu Cyberaktivismus einer klaren Definition von Cyberaktivismus. Möglicherweise müssten hierbei Theorien der Bewegungsöffentlichkeiten hinzugezogen werden um diese Frage klären zu können. Auch die Versuche der Typologisierung, wie bei Illia (2002) und Vegh (2003) greifen zu kurz oder sind nicht nachvollziehbar. (Näheres hierzu findet sich auch in der Reflexion zur Diskussion, die in der Lehrveranstaltung stattgefunden hat) In den Typologisierungsversuchen und Definitionen wird außerdem die Dimension der Öffentlichkeitsschaffung vernachlässigt, die meines Erachtens einen guten Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Cyberaktivismus bilden könnte.

Frage 2: Kann Cyberaktivismus wirklich nicht eigenständig erfolgreich sein?

Wie bereits in den Grundannahmen zur Literatur erwähnt, vertreten viele AutorInnen die Auffassung, dass Cyberaktivismus nur dann erfolgreich sein kann, wenn er durch Offline-Elemente erweitert wird. Diese Aussage ist meiner Meinung nach mit Vorsicht zu genießen. Denn die meisten AutorInnen analysieren Online-Aktionen, die jedoch schon vorher im Offline-Raum bestanden haben und von Offline-Organisationen getragen werden. Ob die Analyse einer Webseite der Organisation Greenpeace als Beleg dafür genommen werden kann, dass Online-Proteste immer auf ihre Offline-Pendants angewiesen sind, ist meines Erachtens fraglich. Um dieser Frage nachzugehen müssten vor allem cyberaktivistische Proteste analysiert werden, die im Online-Raum geboren wurden. Als kleines Beispiel seien hier die SOPA-Proteste genannt, die im Internet geboren wurden, ihre Aktionen auf diesen Raum beschränkten und es trotzdem (vorerst) schafften die Durchsetzung des Gesetzesentwurfs zu verhindern.

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SOPA Proteste

Hinter dem Kürzel SOPA versteckt sich der Stop Online Piracy Act, dessen Gesetzesentwurf Ende 2011 in Amerika eingebracht wurde. Wie der Name schon verrät soll dieser Online Piraterie erschweren bis verunmöglichen. Sicherlich ein  Jubeltag für Musik-, Film- und andere Kreativindustrien, die seit der Etablierung des Internets mit diesem Phänomen zu kämpfen haben. Doch die Gegner dieses Gesetzesentwurfs sehen das ganze kritisch und sprechen von einer Beeinträchtigung des gesamten Internets. Mittels SOPA können Urheberrechtsinhaber die Sperrung von Websites beantragen, die gegen Urheberrechte verstoßen. Dies sehen Gegner des Antrags als Einschränkung der Meinungsfreiheit und befürchten, dass dies vor allem für Seiten, deren Inhalte von Usern generiert werden (z.B.: YouTube, Flickr) ein großes Problem darstellen kann und befürchten, dass diese Seiten mit Inkrafttreten des Gesetzes vom Netz genommen werden. Weiterlesen …

Reflexion zur Diskussion am 12.1.2012

Im Anschluss der Präsentation des Literaturüberblicks in der Lehrveranstaltung fand eine Diskussion zum Thema Cyberaktivismus anhand des Textes von Sandor Vegh (2003) statt. Die Ergebnisse der Diskussion als auch offene Fragen, die sich dadurch ergeben haben, sind im Folgenden zusammengafasst.

Als Kritik an dem Text „Classifying Forms of Online Activism“ wurde festgehalten, dass ein starker Ethnozentrismus zu erkennen sei, da eine Fokussierung auf amerikanische Geschehnisse und Gesichtspunkte vorherrschen würde. Außerdem wurde erwähnt, dass die Beispiele, die Sandor Vegh in seinem Text nennt oft nicht mit seiner Definition einhergehen und nicht klar ist, wieso sie bestimmten Typen von Cyberaktivismus hinzugezählt werden. Auch greift die Typologisierung oft zu kurz, da Vegh beispielsweise nur Hacktivismus zu seiner dritten Phase „Action/Reaction“ zählt. Weiterlesen …

Oostveen, Anne-Marie (2010): Citizens and Activists. Analysing the reasons, impact, and benefits of civic emails directed at a grassroots campaign.

Oostveen, Anne-Marie (2010): Citizens and Activists. Analysing the reasons, impact, and benefits of civic emails directed at a grassroots campaign. In: Communication & Society, Jg. 13, H. 6. S. 793-819.

Zusammenfassung

Oostveen geht zuerst darauf ein, wie politische Partizipation überhaupt zustande kommt und nennt dazu gegenwärtige Theorien, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen, allem voran die Resource Mobilization Theory. Auf dieser Basis beschäftigt sich die Autorin mit so genannten „weak-supporters“ einer Kampagne, die sich gegen e-Voting aussprichen und deren E-Mail Nutzung, welche sie quantitativ erhebt und mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse analysiert. Weiterlesen …

Machart, Oliver/Adolphs, Stephan/Hamm, Marion (2007) Taktik und Taktung. Eine Diskusanalyse politischer Online-Proteste.

Machart, Oliver/Adolphs, Stephan/Hamm, Marion (2007) Taktik und Taktung. Eine Diskusanalyse politischer Online-Proteste. In: Ries, Marc/Fraueneder, Hildegard/Mairitsch, Karin (Hg.): Dating.21. Liebesorganisation und Verabredungskulturen. Bielefeld: Transcript, S. 207-224.

Zusammenfassung

Der Artikel geht von einer diskusanalytischen Perspektive aus, welche besagt, dass Gruppenidentität das Ergebnis eines konstruktivistischen Kommunikationsprozesses ist. Ausgehend davon werden die identitäts- und einheitsstiftenden Funktionen politischer Demonstrationen untersucht. Angesprochen werden hierbei Konzepte, wie die Hegemonietheorie von Laclau und Mouffe, und die Cultural Studies nach Stuart Hall. In weiterer Folge werden zwei Online-Demonstrationen nach ihren identitätsstiftenden Einheiten nach innen und außen untersucht. Weiterlesen …

Pegorim, Eliana ( 2011): Soziale Bewegungen und das Social Web.

Pegorim, Eliana ( 2011): Soziale Bewegungen und das Social Web. Klimawandelkampagnen auf Facebook. In: Elsler, Monika (Hg.): Die Aneignung von Medienkultur. Rezipienten, politische Akteure und Medienakteure. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. S. 137-154.

Zusammenfassung

Die Autorin Eliana Pegorim bezieht sich in diesem Sammelbandbeitrag auf die Definition von Online-Kampagnen, die Sigrid Baringhorst 2009 aufgestellt hat: “a series of communicative activities undertaken to achieve predefined goals and objectives regarding a defined target audience in a set time period with a given amount of resources.” Als Vorteile von Online-Kampagnen gelten die transnationale Mobilisierung und geringe Kosten. Weiterlesen …

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